Der Magier
Lyriker H.C. Artmann starb in Wien

Von Rainer Hartmann

Der große Wiener Dichter H. C. Artmann, der am Montagabend 79jährig in seiner Heimatstadt an Herzversagen gestorben ist, war Sohn eines Schuhmachers. Wer will, kann damit manches in Verbindung bringen, was ihn auszeichnete: die Bodenständigkeit, den Blick von unten in eine offenbar als ungeheuer fremd empfundene Welt, die Fähigkeit zu "Wanderungen" sonst wohin - und zwar auf ganz realen Reisen ebenso wie im Kopf und vor allem in der Sprache.

Wörter sind "sexuell"

Der Junge soll auch selbst eine Schuhmacherlehre absolviert haben, bevor er Soldat im Zweiten Weltkrieg wurde. Und - um den Mythos von Schuhmacher und Poet weiterzuspinnen - dies könnte durchaus dazu beigetragen haben, dass Hans Carl Artmann ein ungewöhnlich sinnliches Verhältnis zur Sprache entwickelte. Die Wörter sind in seinen Gedichten aufgeladen mit physischer Bedeutung, und die Dinge, die sie benennen, scheinen sich aneinander zu reiben: "ich bin kein jäger kein hasentöter sechzig/kinder möchte ich zeugen keine hasen töten": So heißt es in einem seiner Gedichte, alles kleingeschrieben, dazu ohne Punkt und Komma, so dass die Wörter näher aneinander geraten.

Eingeschrieben in Verse wie diese ist auch das Bekenntnis zur Sinnlichkeit. Artmann erläuterte es präzise in einer seiner theoretischen Äußerungen: Wörter seien eine "magnetische masse, die gegenseitig nach regeln anziehend wirkt; sie sind gleichsam "sexuell", sie zeugen miteinander, sie treiben unzucht miteinander." So war er, der Artmann, ein Mann der Kunst, der das Leben liebte und um sich herum wie in seinen Gedichten ein Fantasieleben aufbaute, von dem keiner so recht weiß, was wirklich und was Maskerade war. Hingegen ist sicher, dass er perfekt darin war, sich Sprachmasken überzustülpen.

Dadurch wurde er sogar berühmt, 1958, mit Erscheinen seines Lyrikbandes "med ana schwoazzn dintn". Das ist Dialektdichtung. Es ist aber auch die Anwendung des Dialekts auf "schwarze", todesnahe Themen. Zugleich ist es die Verkuppelung von Dialekt und Surrealismus, im Anschluss an Artmanns frühes dichterisches Werk - moderne Dichtung also im Dialektgewand. Im Wien der 50er Jahre und zusammen mit seinen Kollegen der "Wiener Gruppe" - zu der auch Konrad Bayer, Oswald Wiener und der nun schon seit langem in Köln lebende Gerhard Rühm gehörten-, zusammen mit den Freunden leistete Artmann etwas, was die neue Poesie des 20. Jahrhunderts überhaupt auszeichnet: an einem Ort, in einem vergleichsweise engen Lebenszusammenhang die Welt zu spiegeln, die Weite, die Existenz des Wesens Mensch. Mit vielen anderen Sprachen, sogar dem Malayischen, hat H. C. Artmann sich beschäftigt, fasziniert wohl auch von ungewohnten Sprachklängen. Schließlich ist auch für seine Verse wichtig, wie sie sich anhören. Er hat sie selbst oft vorgetragen, damals auf den wegen ihrer anarchischen Sprengkraft berüchtigten Veranstaltungen der "Wiener Gruppe" und auch später. Von da führt ein Weg zum Wiener Freund Ernst Jandl, der vor Monaten gestorben ist, aber auch zu weit Jüngeren, für die sich wohl erst beim Vortragen ein Gedicht ganz vollendet, wie den Kölnern Thomas Kling und Norbert Hummelt.

Artmann hat mit dem Horror gespielt wie in "Das Fräulein Drakula", zu dem der Kölner Germanist Walter Hinck schreibt: "Hier wirbelt Dichtung die literarischen Schnittmuster durcheinander und gibt sie frei für das poetisch-witzige Spiel. Und der Diener gleicht dem Magier, der bunte Lappen in seinen Hut stopft und einen Zaubervogel herausflattern lässt." Wie Artmann sein höchstpersönliches Ich mitagieren und seine Zeit im schwedischen Malmö mitspielen lässt, verraten ein paar Verse aus einem anderen Gedicht: "plötzlich im letzten Sommer bin ich in malmö/auf einer vespa fahre ich krabben aus ich tus// wenn frischer seewind an deine knöchel kommt/verblauen dir die Socken wie eine hübsche ferne ..."

"Soldaten ach soldaten" Ein andermal marschiert er, man könnte meinen, mit im Volksliedton aus "Des Knaben Wunderhorn": "soldaten ach soldaten ja/die müssen früh aufstehn/um auf der lauer zu liegen/oder auch schildwach stehn . . ." Und was soll das Verstecken hinter Sprechmustern, die Aufsplitterung? Es ist eine Parallelerscheinung zum Rollenspiel in der modernen Welt, zum Verlust der Identität, wenn einer) eben noch Angestellter ist, dann Autofahrer; dann Familienangehöriger, dann zahlendes Mitglied im Fußballverein. Auch der Dichter, so kann Artmann lehren, nimmt wechselnde Haltungen ein, nicht einmal er ist eine einheitliche Figur.

Quelle: Kölner Stadt-Anzeiger, 6.12.2000

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